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 Allgemeines Forum
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pelegrino Offline




Beiträge: 50.355

03.11.2008 14:45
#301 Warum ich Monarchist geworden bin Antworten


Extra für Monti, und in Bezug auf die hessischen Verhältnisse:

Warum ich Monarchist geworden bin

Es gibt Geständnisse, die Lähmung und Entsetzen verbreit-
ten. Bis in die Mitte der 60er Jahre war es die Behauptung
Ich bin Kommunist, die dem kühnen Provokateur lebens-
lange Spinnefeinde verschaffte. Als habe er gesagt, er sei
Sodomist, wandten sich Arbeitgeber wie Arbeitnehmer glei-
chermaßen angeekelt ab. Heute, nach dem großen Scheitern
aller Ideen, würde diese Bemerkung allenfalls in steifen
Beamtenkreisen Empörung auslösen. Aufgeschlossenere
Zeitgenossen lächeln nur milde über solche letzte Zeugen
Iwans: Diese Krankheit steckt nicht mehr an.
Auch andere Geständnisse bleiben heute ohne großes
Echo. Ich bin Anarchist! zum Beispiel. Ach, rührend, heißt
es dann, wie interessant, sicher sind Sie Künstler! - Und wer
behauptet, er sei homosexuell, dem wird sofort Nachsicht
entgegengebracht: Na, halb so schlimm, kann jedem pas-
sieren ...
Die Krise eint, und die Leute sind härter im Nehmen. Wir
rudern doch alle, heißt es, dasselbe Boot, derselbe Strick –
alles gleich. Atomkraft ja oder nein, stoppt Strauß oder lasst
ihn, das alles wird erregt diskutiert, aber es sind doch
gesellschaftliche Themen. Ich kenne nur eine politische
Bemerkung, bei der Rote, Grüne und Schwarze blaß wer-
den, über die man nicht diskutieren kann, weil einen jeder
allein stehen lässt als sei man aussätzig und Idiot obendrein.
Es ist die Behauptung: Ich bin Monarchist.
Worüber man nicht diskutieren kann, darüber muß man
Monologe halten: Ich will es nicht zu kompliziert machen,
mich nicht auf Hegel berufen, obwohl da einiges zu holen
wäre in puncto konstitutioneller Monarchie. Lieber bezeichne
ich mein aktuelles Argument aus der vielbeklagten Staatsver-
drossenheit, die ja nicht allein von den berühmten jungen
Leuten gepflegt wird. Auch biedere Hochschullehrer und
seriöse Leitartikler sind ihre geheimen Opfer; sie faseln zwar
seitenlang über die freiheitlich demokratische Grundord-
nung und verdienen damit Geld, am Fuße des ersten Biers
aber sind sie ehrlich genug, sich der landläufigen Meinung
anzuschließen, dass wir hinters Licht geführt werden. Zwar
möchte ich nicht unbedingt im Lichte eines Sonnenkönigs
stehen, aber die Strahlen eines milden Königshauses tröstet-
ten mich vielleicht über die Wahlparolen der bürgerlichen
Parteien hinweg.
Nach privaten Hochrechnungen wählen 80 Prozent der
Berechtigten nur, weil es nichts kostet, der Rest will etwas
verhindern – was für ein Zustand! Etwa 30 Millionen Bürger
fluchen täglich fünfmal lauthals auf Politiker, das ergäbe
gedruckt jeden Tag 500 Großstadttelefonbücher voller
Schimpfworte.
Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat
ihre Aufgabe noch nicht erkannt, hier katalogisierend und
alphabetisierend tätig zu werden, um der Öffentlichkeit
jenen längst fälligen Registerband vorzulegen, der für die
Verbreitung neuer, treffender Politiker-Bezeichnungen sor-
gen würde. Dies wäre endlich einmal ein Gebiet für einen
gelungenen Computereinsatz. Und wo bleiben die Preisaus-
schreiben, mit denen sich die Bevölkerung bei der Suche
nach neuen Worten beteiligen könnte?
Die Hartnäckigkeit, mit der ein deutscher Regierungschef
von der liberalen Presse und der Öffentlichkeit Birne und
sein amerikanischer Amtskollege Cowboy, allenfalls Schmie-
rencowboy gescholten wurden, hat in ihrer Einfallsarmut
etwas treudeutsch Peinliches. Genannt wurden – ich wähle
spaßeshalber die Vergangenheitsform, weil die beiden ange-
sprochenen Katastophengestalten ihre Ämter längst los sein
werden, wenn mein Aufruf noch immer Gültigkeit haben
wird.
Warum kam man nicht wenigstens auf die Idee, von Birne
auf Bovist zu wechseln? Dieser häßliche, ungenießbare Pilz,
der sich von seiner anfangs weißlichen Babyhaftigkeit rasch
in eine frühvergreiste, ausgedörrte, schmutzfarbene Hülle
verwandelt, die nichts weiter vermag, als auf ein leichtes
rhythmisches Anquetschen einen modrigen, bräunlichen
Rauch von sich zu geben – dieser Pilz ist doch ein ideales
Bild für einen debilen Politiker.
Anstatt die massenhafte Verachtung der Bevölkerung zur
Kenntnis zu nehmen, recken die Politiker in Bonn, aber
auch in Bern, Washington, London, Paris den Kopf aus den
halboffenen Mercedesfenstern und verkünden dem hecheln-
den Reporter beziehungsweise uns Fernsehdemokraten, dass
es noch zu früh sei, über den Stand der Verhandlungen
exakte Aussagen zu machen – dann sollte lieber doch ein
Monarchenoberhaupt aus dem Fenster der Karosse lächeln.
Denn wir haben für unser Steuergeld ein besseres Spekta-
kel verdient als das, was die Volksvertreter in der Bundes-
hauptstadt inszenieren. Selbst der geduldigste Bürger ist
nicht länger bereit, den Bonnern zuzusehen, wie sie mit
ungelenken, schlecht angelernten Gesten ausländische Besu-
cher zum Hinsetzen in ihre Spießersessel auffordern. Hört
man sie reden in ihren verpanschten Dialekten, möchte man
auswandern – doch wohin? Einer, so ein großer, läutete
neulich ein Selbstzitat mit der Wendung ein, er erinnere an
sein Wort vom soundsovieltem, >>das da lautet<< ... so spre-
chen Emporkömmlinge.
Die können nichts dafür. Nur Grobiane schaffen den Weg
nach oben. So ist das System. Und das eben macht den
König so liebenswert, daß er nicht um seinen Posten boxen
und danach gieren muß, sondern daß er ihm gleichsam
unbefleckt in den Schoß fällt. Die Schuldlosigkeit verleiht
ihm Glanz und Würde, und er ist großartig auch dann, wenn
er Dummheiten macht und ehrlich ist.
Das kann er sich leisten, denn er hat Grazie und Charme,
und eben das ist es, woran in der Demokratie ein so fürch-
terlicher Mangel herrscht. Auch der Stil lässt zu wünschen
übrig. Wenn ein Verteidigungsminister eine Ehrenformation
abschreitet, mit dem kindisch-unverhohlenen Stolz des
Demokraten, der sich eines königlichen Rituals bedient, so
ist das ein jammervolles Bild: Die meisten gehen wie Puter,
einigen gelingt es, wie Pfauen zu stolzieren. Ein guterzoge-
ner Monarch aber entledigt sich dieser Pflicht lässig und mit
königlicher Ironie. Er kann sich leisten, nach drei Schrit-
ten anzuhalten und zu sagen: Kommt Kinder, lassen wir
doch den Zirkus! So sorgt er für Anekdoten und ist volks-
tümlicher als jeder Abgeordnete.
Auch kann ein Monarch besser schimpfen. Das muß
etwas mit der Fallhöhe zu tun haben. Die Fallhöhe ist, wenn
ich mich richtig erinnere, ein Ausdruck aus der Literatur-
wissenschaft beziehungsweise aus der Dramentheorie: die
Befürworter der klassischen Tragödie im 18. Jahrhundert
sprachen den unadeligen Leuten die Fähigkeit zur Tragik
ab; nur wer hoch stehe, könne schwungvoll und tragisch
fallen.
Dieser krause Einfall enthält wie alles Zynische natürlich
einen richtigen Gedanken. Denn es ist tatsächlich nicht egal,
wer schimpft. Es kommt auf die Höhe an, von wo aus
geschimpft wird. Wenn einer unserer ungeschlachten Volks-
vertreter in einer widerlichen Halle vor einem widerlichen
Adler neben einem widerlichen Gladiolenstrauß an einem
widerlichen Pult eine widerliche Rede hält und plötzlich
cholerisch wird und mit wabbelnden Backen wild fuch-
telnd erklärt, der politische Gegner oder die Intellektuellen
oder die Schriftsteller seien irgendwelche Insekten oder
Nagetiere, dann ist das einfach geschmacklos und proleten-
haft und irgendwie auch traurig. Denn der Mann ist und
bleibt ein Metzger, er hat die Höhe nicht, von der aus
ähnliche Worte gleich ganz anders klingen. Er kann einem
leid tun.
Wie anders ein König. Bescheiden, fast peinlich berührt,
daß ihm die Macht zugefallen ist, betritt er die Bibliothek
im Westflügel seiner Residenz, wo immer die Presse-
konferenz stattfindet und hört sich kurz an, wie sein Regie-
rungssprecher die Absage eines Staatsbesuchs zu begründen
versucht.
Freundlich lächelnd unterbricht er die offizielle Verlaut-
barung, seine Stimme ist fest und klar und braucht kein
Mikrophon. Und zu den in- und ausländischen Journalisten
Gewandt sagt er mit märchenhafter Grandezza, daß der
Sprecher hier wieder einmal ängstlich die Wahrheit verwäs-
sere; er habe die Viermächte-Begegnung mit folgender
Begründung abgesagt: Ich treffe mich nicht mit Stinkmor-
cheln und Puffkröten. Haben Sie das, fragt er lächelnd die
stenographierenden Journalisten: Stinkmorcheln und Puff-
kröten – nicht daß da falsche Worte herausgehen.
Die eigentlichen Herrscher sind heute die Sachzwänge. In
allen Bereichen: Rüstungswettlauf, Energieknappheit,
Computerverwaltung. Die jeweilige Staatsform ist nur der
Mantel über diesen schauerlichen Diktaturen. Die Mäntel,
die in fast allen Ländern der Welt getragen werden, haben
ein mieses Tuch und einen abscheulichen Schnitt. Die Regie-
rungspolitiker in aller Welt sind in der Regel provinzielle
Schamverletzer, deren öffentliches Auftreten das Maß der
Groteske weit überschreitet.
Dann wirklich lieber eine passable Monarchie, die natür-
lich am Ende des 20. Jahrhunderts ein Anachronismus ist.
Aber eben der Anachronismus umgibt diese königliche
Staatsform mit einer Ironie, ohne die sie nicht erträglich
wäre. Lieber ein bischen Gold und Hofgetratsche und
Degeneration und meinetwegen kitschige Hochzeitstassen
und Feuerwerk bei der Geburt des Thronfolgers, lieber eine
halbwegs elegante und souveräne Komödie als dieses täg-
liche spießbürgerliche Trauerspiel.
Zur Lebensqualität einer hochentwickelten Staatsform
gehört nicht nur die Funktion, sondern auch die Ästhetik.
In der Architektur hat man auch erst zu spät begriffen, daß
es nicht ohne Stil und ohne Ornamente geht. Es ist den
Bürgern nicht zuzumuten, von einer Regierung repräsentiert
zu werden, die die Gemeinheit von Betonfassaden aus-
strahlt. Die Umwelt kann nicht nur durch Chemieabfälle
und Atommüll, durch Flugpisten, Autobahnen und Hoch-
häuser zerstört werden, sondern auch durch das unzumut-
bare Auftreten und Aussehen von Politikern.
Der Kardinalfehler der geschichtlichen Entwicklung
bestand darin, die ästhetische Erziehung des Menschen so
schamlos zu vernachlässigen. Das ganze Politisieren hat
nichts gebracht, denn nie wurden die Leute darüber aufge-
klärt, daß man die Herrscher allein nach ihrem Äußeren
beurteilen muß. Kretins wie Hitler, Göbbels und Goering
hätten nie eine Chance gehabt, wenn Menschenkenntnis und
ästhetisches Empfinden der Wähler nicht in einem so kata-
strophalen Zustand gewesen wären; und auch das jetzige
Bestiarium säße nicht in Bonn herum, sondern da, wo es
hingehört: in den Gängen des Arbeitsamtes, um sich für die
Stelle eines Tierpflegers im Zoo zu bewerben.
Nur das Aussehen verrät uns, was hinter diesen Stirnen
vorgeht. Was die sagen und versprechen und in Aussicht
stellen ist mittlerweile völlig unwesentlich. Was zählt, sind
allein die Physiognomien. Nur der Schein trügt nicht.



Joseph v. Westphalen

Text ist von 1985 - macht aber nix

ISBN 3 251 01006 9

.


„Gesundheit und Krankheit ham ein’s gemeinsam: Is beides viel Einbildung.“ (Jürgen v. Manger alias Adolf Tegtmeier)

montcorbier Offline




Beiträge: 13.023

03.11.2008 15:00
#302 RE: Warum ich Monarchist geworden bin Antworten
Jetzt bin ich baff...

"Warum ich Monarchist geworden bin" könnte im Grundtenor auch aus meinem "Geiste" entsprungen sein! Klasse!

Lieber Pele, mein Dank für diese Abhandlung von Joseph v. Westphalen. Kannte ich bisher nicht!


Gruß
Monti

----------------------------------------------------
No FUTURE!

pelegrino Offline




Beiträge: 50.355

03.11.2008 15:20
#303 RE: Warum ich Monarchist geworden bin Antworten

In Antwort auf:
...könnte im Grundtenor auch aus meinem "Geiste" entsprungen sein!...

Ich hab's gewußt ...

.


„Gesundheit und Krankheit ham ein’s gemeinsam: Is beides viel Einbildung.“ (Jürgen v. Manger alias Adolf Tegtmeier)

der W Jörg Offline




Beiträge: 29.796

03.11.2008 15:20
#304 RE: Warum ich Monarchist geworden bin Antworten

noch was zum thema wahlen ... von Reinhard Mey


Wahlsonntag

Ich freu‘ mich immer mächtig auf den Wahlsonntag,
Denn was ich an dem Tag so ganz besonders mag,
Ist die große Monster-Show, die Fernseh-Live-Diskussion
Mit Vertretern von Regierung und Opposition!
Die strahlen und lachen über beide Schlitzohren,
Sie haben diese Wahl zwar wieder haushoch verloren,
Aber jedesmal erklären sie mir klipp und klar,
Daß sie die wahren Gewinner sind, wie wunderbar!

„Diese Wahl“, jubelt der erste, „zeigt uns einwandfrei:
Der Wählertrend geht immer mehr zu unsrer Partei,
Denn die erdrutschartigen Verluste heute liegen nur
An der ungewöhnlich sonderbaren Wählerstruktur!
Und in dem, was Sie da eine Wahlschlappe nennen,
Ist der Aufwärtstrend doch überdeutlich zu erkennen.
Seh‘n Sie, unsere Verluste war‘n noch niemals so gut,
Der Kurs stimmt, weiter so, dieses Ergebnis macht Mut!“

„Unser Sieg“, so bricht es gleich aus einem andern heraus,
„Sieht nur beim ersten Blick wie eine Katastrophe aus,
Vorübergehend sind wir zwar im tiefen Wellental,
Aber dieser Tiefpunkt ist wie ein Hoffnungssignal!
Man darf die Wechselwähler nur nicht wegdiskutieren –
Und den Wettereinfluß auf sie aus den Augen verlieren!
Die Massen wollen uns, und das ganz allein zählt,
Und wenn nun heut nicht gerade Sonntag wär‘, hätten sie uns gewählt!“

„Seh‘n Sie unsre Hochrechnung mal im Zusammenhang:
Dies ist eine Auferstehung und kein Untergang!
Der totale Stimmenschwund, der zeigt uns doch indes
Einen ganz normalen, segensreichen Schrumpfungsprozeß.
Sie seh‘n ja selber, alle Analysen zeigen:
Die Einbußen sind noch immer ständig im Steigen.
Und so gesehen und ganz nebenbei bemerkt
Hat uns diese Niederlage ganz gewaltig gestärkt!“
Und in einem Punkt, da stimmen alle überein:
„Wir können mit dem Wahlausgang zufrieden sein!“
„Wir haben unser Ziel ganz knapp verfehlt, drauf kam es an!“
Ach mit wie wenig man Politiker schon glücklich machen kann!
Denn kommen sie dem Abgrund auch immer dichter,
Sie zeigen uns doch immer lange lachende Gesichter
Und geben uns eine Lektion in Genügsamkeit.
Das sag‘ ich hier und heute und in aller Deutlichkeit!




Reifen haben rund zu sein und gripp zu haben, alles andere ist firlefanzerei !!!!

Falcone Offline




Beiträge: 108.998

02.12.2008 11:29
#305 RE: Warum ich Monarchist geworden bin Antworten

Ich hoffe, es war hier nicht schon zu lesen - aber es passt halt wunderbar zur W.

der Autor ist übrigens kein geringerer als der uns wohlbekannte Ulf Penner!

"Ihrem Meister dient sie, ...
... den Knecht tritt sie in den Staub."


So ähnlich hat sich Klacks mal geäußert. Das ist schon lange her und es ging - selbstverständlich - um Motorräder und einen Grundgedanken, der immer noch aktuell ist, wenn auch mit anderen Vorzeichen. Damals war es schwer, eine starke Maschine zu beherrschen. Die Fahrwerke und die Bremsen waren von der Motorleistung hoffnungslos abgehängt worden.

Heute sind auf den Straßen 180 PS starke Rennmotorräder unterwegs, die fast schon überirdisch gut funktionieren. Ich hatte mein Aha-Erlebnis 1994 oder 95 am Bremer Kreuz, als ich auf einer Vorführer-Fireblade die langgezogene Auffahrt Richtung Osnabrück mit gut 200 Km/h in heldenhafter Schräglage runterbretterte und das Motorrad wie auf Schienen lief. Dabei gab es keine Sekunde, in der das Fahrwerk nicht zurückmeldete, daß es immer noch völlig unterfordert war.

Ein tolles Gefühl, wenn du vorher an der gleichen Stelle auf deiner 1979er XS 400 schon mit 150 Km/h allen Mut und nach jeder Querfuge zwanzig Meter gebraucht hast, die schlingernde Karre wieder in den Griff zu bekommen. Oder die Kurven, in denen die alte 450er Honda bei nur mäßig sportlicher Schräglage laut, und bis in die Lenkerenden spürbar, mit den Auslegern der Fußrasten weiße Schrammen in den Asphalt kratzte. Bei gleicher Geschwindigkeit signalisierte mir die Fireblade, ohne sich groß um Diskretion zu bemühen, bestenfalls Langeweile. Und schlimmstenfalls Mitleid. Also habe ich nochmal alles gegeben, eine persönliche Bestzeit nach der nächsten aufgestellt und es ist mir trotzdem nie gelungen, sie in Bedrängnis zu bringen.

Das soll natürlich nicht heißen, daß es nicht eine Menge großartiger Jungs gäbe, die es schaffen, einen aktuellen Supersportler am Limit zu fahren und mit allem Recht der Welt darüber diskutieren, ob die Zugstufe am Federbein sieben oder acht Klicks zugedreht werden muß, damit das Hinterrad beim Rausbeschleunigen ein bißchen weniger pumpt. Diese Burschen holen sich ihren Kick, indem sie im Kurvenscheitel mit dem Ellenbogen über die Curbs rattern, am Kurvenausgang lange schwarze Striche malen und dabei das Vorderrad konstante zehn Zentimeter über der Straße halten. Respekt. Obwohl eine solche Fahrweise wahrscheinlich vollkommen bescheuert ist - die sind auf dem richtigen Motorrad unterwegs.

Mir persönlich wird bei so etwas Angst und Bange. Und ich bin offensichtlich nicht der einzige. Im Sommer erlebe ich es fast täglich, daß Fahrer mit modernem Sportgerät die Kurven zuparken. Wenn ich meinen fiesen Tag habe, gönne ich mir den Spaß und ziehe mit meinem alten Geraffel innen vorbei. Auf der folgenden Geraden teilen sich die Überholten dann in zwei Gruppen. Die einen geben jetzt richtig Gas und zeigen dem dreisten Sack, was ne Harke ist.. Die nächste Kurve durchfahren sie dann mit zwei Grad mehr Schräglage und knallhart zusammengekniffenen Arschbacken. Wenn sie Pech haben, ist die Gerade aber nicht lang genug. Die anderen bleiben zurück und halten konzentriert Ausschau nach dem nächsten Parkplatz.

Natürlich könnte ich nach solchen Erlebnissen testosterongeflutet zum nächsten Stammtisch fahren und von meinen Heldentaten berichten. Und es wäre nicht besonders ehrlich und würde nach dem eben Geschriebenen wohl auch kaum glaubhaft klingen, wenn ich bestreiten würde, so etwas jemals getan zu haben. Trotzdem schwingt inzwischen auch immer etwas altersbedingtes Mitgefühl mit, wenn ich mich frage, warum Menschen sich auf Maschinen setzen, die von ihnen etwas verlangen, was sie garnicht geben können oder wollen. OK, diese Motorräder liegen perfekt, haben perfekte Bremsen, verfügen über unglaublich starke Motoren, sehen schon im Stand wahnsinnig schnell aus und sind Testsieger.

Also Image? Na klar, Image ist schon wichtig. Aber ist es auch das richtige? Und was ist ein geborgtes wert? Was nützt es, die Rennstrecke zu besitzen, wenn du dort nie auftauchst und wenn doch, dann keine Sonne siehst und, vor allem, keine Sekunde wirklich Spaß hast? Ist es befriedigend, einen mattschwarzen Chopper zu kaufen, offene Tüten dranzuschrauben, das Halstuch über die Nase zu ziehen und alte Leute zu erschrecken, obwohl du doch eigentlich ein ganz netter Kerl bist? Naja, vielleicht ab und zu mal.

Aber wie befriedigend ist es, ein Motorrad zu fahren, vor dem du Angst hast? Das dich ständig herausfordert und nie gewinnen läßt? Und wie schön wäre es zur Abwechslung mal anders herum? Wie wärs mit einer Maschine, die du fordern kannst, deren Grenzen du nicht nur aus Zeitungsberichten kennst, auf der du bequem sitzt? Die alles kann, was du brauchst. Die du aber, wenn du möchtest, rannehmen kannst, bis sie nicht mehr weiterweiß?

Wenn auf einmal nicht mehr du der Knecht bist? Eine Menge Fragezeichen. Und keine Antwort.


Weiterer Lesestoff auf seiner Seite:
http://www.tuning-fibel.de/kolumne/

pelegrino Offline




Beiträge: 50.355

02.12.2008 11:51
#306 RE: Warum ich Monarchist geworden bin Antworten

Hab' ich schonmal gelesen, weiß nicht ob hier - ist aber auch egal: ist auf alle Fälle gut geschrieben !

.


"Dumme Fragen stellen kann jeder. Aber auf ernst gemeinte Fragen dumme Antworten geben, dazu gehört schon ein gewisses Können."

tiratutti Offline



Beiträge: 29

03.12.2008 20:29
#307 Das Erdmännchen Antworten

Robert Gernhardt: Das Erdmännchen und der Raketenbauer

Es war einmal im Ingermannland, das ist dort, wo Schweden am dicksten ist, in einem Walde, den die Einheimischen nur Sloegenkoegen nannten. Das aber ist schwedisch und bedeutet soviel wie Hengenbengen, denn Sloegen meint Hengen und Koegen Bengen. In diesem Walde nun lebte ein alter Raketenbauer, dessen Name Milne Pudersen lautete, Milne nach einem Onkel mütterlicherseits und Pudersen nach Milne, und dessen ganzer Ehrgeiz war darauf gerichtet, einmal eine Rakete zu bauen, die so hoch sein sollte wie der Kirchturm zu Heckerupp, der aber maß ganze sieben Meter.

Doch wie immer er es anstellte, stets scheiterten seine Versuche. Mit der ersten Stufe ging es noch soso, doch wenn er versuchte, die zweite oder gar die dritte Stufe auf die erste zu stellen, dann fiel der ganze Segen um, und um ein Haar wäre unser Milne schon mehrmals seiner eigenen herabstürzenden Rakete erschlagen worden. Doch als er wieder einmal neben den Trümmern seiner Rakete saß, da öffnete sich die Erde ein klein wenig, und ein Erdmännchen schaute heraus.

"Hallo, Erdmännchen," sagte der Milne.
"Hallo Milne!" entgegnete das Erdmännchen und fuhr fort: "Ich weiß, daß du fromm und gottesfürchtig bist, und deswegen habe ich jetzt drei Wünsche frei."
"Entschuldige, liebes Erdmännchen," sagte da der Milne, "Wolltest du nicht vielmehr sagen, daß ich drei Wünsche frei habe?"

Und das hatte das Erdmännchen in der Tat sagen wollen, doch, da es von halsstarriger Natur war und ums Verrecken nicht zugeben mochte, einen Fehler begangen zu haben, schrie es: "Wer hier drei Wünsche frei hat, bestimme immer noch ich!" Und mit diesen Worten krabbelte es ins Erdreich zurück, wo es sich, da es ja nun drei Wünsche frei hatte, dreierlei wünschte: ein Erdfrauchen, ein Erdbeben und den spanischen Königsthron.

Jahre später jedoch, als das Erdmännchen schon längst unter dem Namen Juan Carlos auf dem spanischen Königsthron saß und sich an seiner bildschönen Ehefrau weidete, da meldete ihm sein Ministerpräsident, daß ein Erdbeben das Ingermannland erschüttert und dabei auch ein Todesopfer gefordert habe, einen Raketenbauer, dem die eigene, umstürzende Rakete zum Verhängnis geworden sei.

Als das Erdmännchen diese Botschaft hörte, da bereute es bitterlich, damals so halsstarrig gewesen zu sein, insgeheim aber intensivierte es das spanische Raumfahrtprogramm.

Und als die erste spanische Rakete ins Weltall hinaufstieg, da trug sie den Namen "Milne Pudersen". Das rief bei allen, die davon hörten, viel Rätselraten hervor, doch ihr, liebe Kinder, ihr wißt nun, wie es um diesen Namen bestellt ist, nicht wahr? Na fein.

Und nun trinkt euer Bierchen aus, denn morgen könnt es sauer sein, hängt eure Zähne in den Spind und schlaft in Gottes Namen ein.

Steve Dabbeljuh Offline




Beiträge: 12.197

03.12.2008 21:31
#308 RE: Das Erdmännchen Antworten
Schon länger nichts mehr von Gernhardt gelesen - sehr schön.
Dein Userbild gefällt mir übrigens auch.
Schade dass du - Tiratutti - noch so profillos bist.
Das könnte sich doch ändern oder ?

tiratutti Offline



Beiträge: 29

04.12.2008 19:10
#309 RE: Das Erdmännchen Antworten

Zitat von Steve Dabbeljuh
Schon länger nichts mehr von Gernhardt gelesen - sehr schön.
Dein Userbild gefällt mir übrigens auch.
Schade dass du - Tiratutti - noch so profillos bist.
Das könnte sich doch ändern oder ?

Profillos??? Hab Literaturcollage gegugelt.

pelegrino Offline




Beiträge: 50.355

05.12.2008 08:08
#310 RE: Das Erdmännchen Antworten

In Antwort auf:
...Profillos???...

Gemeint ist Dein pers. Profil -> wenn Du Deinen (oder den eines anderen Forumianers) Nick, der über dem Avatar steht (in Deinem Falle also der blaue, unterstrichene Schriftzug tiratutti ) anklickst, dann offenbart sich uns eingeloggten, neugierigen Menschen Dein Profil:

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Registriert am 03.12.2008
Letzte Aktivität vor 16 Minuten


Funktioniert auch bei allen anderen Forumsmitgliedern - wenn sie sich eingeloggt haben . Man muß es nicht ausfüllen, aber es kann hilfreich sein: wenn man gern wüßte, wo der andere etwa so haust, z.B. .

.


"Dumme Fragen stellen kann jeder. Aber auf ernst gemeinte Fragen dumme Antworten geben, dazu gehört schon ein gewisses Können."

Vrider Offline




Beiträge: 124

11.01.2009 15:05
#311 Ein Wintergedicht: Antworten

Januar


Die Bäume recken ihre nackten Äste
wie knöchrige Hände in den fahlen Himmel.

Die schwarzen Stämme stehen im harten Boden,
der den Unrat des Jahres nicht verbirgt.

Die tiefe Sonne malt Blitze auf die Leitungen.

In den Autos Fahrer, mit dem Glanz der Adventszeit verlöscht,
den Blick nach innen gekehrt auf die kalte Wahrheit der Weihnacht.

Alles wartet auf den Schnee,

der gnädig das Braun des toten Grases bedeckt
und die Reste verbrannter Hoffnungen erst freigibt

wenn es wärmer wird.

Woher soll ich wissen was ich denke, bevor ich gelesen habe was ich schreibe

Vrider Offline




Beiträge: 124

02.02.2009 17:15
#312 Februar Antworten

Februar

Kalt

Der Februar Morgen kalt
Die Sonne braucht bis zum Mittag um das Eis von den Autoscheiben zu schmelzen.
Der Januar ist vorbei, mit ihm der Schnee des Winters, den Vorsätzen, den Hoffnungen,
und das Jahr ist da, hat dich eingeholt, ganz, absolut, in voller Konsequenz

es ist kalt

Das Gras ist noch bedeckt von dem Laub des Herbst, Versprechen wartender Arbeit,
Jetzt, da alle gegangen sind höre ich „The Rose“ von Bette Midler
Es reicht,
um Gottes Willen nicht noch Kris Kristofferson auflegen, das zieht mich total 'runter

es ist kalt

Es ist die Zeit
Pläne zu machen, für wenn es wärmer wird
falls es wärmer wird

noch ist es kalt

Woher soll ich wissen was ich denke, bevor ich gelesen habe was ich schreibe

Vrider Offline




Beiträge: 124

04.03.2009 16:43
#313 Eine Utopie Antworten
Utopie

Es war einer dieser verregneten Tage so gegen Ende September, ich saß am Küchentisch, noch in meinem Schlafanzug und las die Zeitung während meine rechte Hand sich an der zweiten Tasse Kaffee festhielt. Die Firam hatte wieder Kurzarbeit und ich driftete in den Tag. Ich hatte mich vor lauter Langeweile bis in den Lokalteil vorgearbeitet als es an der Tür klingelte. Ich nahm noch einen Schluck Kaffe und holte mir aus dem Badezimmer im vorübergehen meinen Bademanten und ging die Tür zu öffnen. Ich schaute durch den Spiuon und sah zwei etwas konservativ gekleidete Herren – grauer Anzug, dezente Kravatte, ordentlich frisiertes Haar. Vertreter vielleicht oder irgendeine Sekte, die mich bekehren wollte. Sch*** vielleicht hätte ich doch nicht aus der Kirche austreten sollen, seitdem ich das getan hatte kamen diese Leute immer häufiger.

Ich öffnete die Tür einen Spalt.

„Ja? was möchten Sie?“
„Herr Wilfried Müller?“ fragte einer der Herren, der mit dem roten Schlips,“Herr Wilfried Norbert Ephraim Müller?“
„Ja, der bin ich“ Für den dritten Vornamen kann ich nun wirklich nichts, mein Vater war ein großer Lessing Fan und ich musste darunter leiden.
„Wir sind vom Statistischen Landesamt für politisch Ämter“, sie zeigten mir ihre Ausweise, „können wir bitte hineinkommen“
Ja, warum denn eigentlich nicht, die Wohnung war zwar nicht aufgeräumt, das war sie eigentlich nicht mehr gewesen seitdem meine Frau mich mit den Kindern verlassen hat, manchmal kam da noch meine Tochter vorbei, räumte auf und machte mir Vorhaltungen, ich solle doch besser auf mich aufpassen, aber das hielt nicht lange vor. Ich öffnte die Tür ganz und trat beseite damit die Herren eintreten konnten. Ich ging vor in die Küche und zeigte zu den Stühlen um den Küchentisch. „Bitte setzen Sie sich“, was die Herren dann auch taten.

„Möchten Sie einen Kaffee? Es ist noch welcher in der Kanne..“ Ich räumte die Zeitung beiseite
Die Herren bejahten diese Frage und ich holte noch zwei Tassen und Löffel aus dem Schrank und goß ihnen den Kaffee ein und stellte Milch und Zucker auf den Tisch.

Ich sah sie erwartungvoll an.

Der Mann mit dem blauen Schlips öffnete seine Aktentasche und legte einen flachen Ordner vor sich auf den Tisch. „Zunächst möchten wir sie bitten, sich auszuweisen, nur der Form halber.“
Ich stand wiedr auf ging ins Schlafzimmer und holte mir die Brieftasche aus der Jacke. Zurück in der Küche gab ich den Personalausweis dem Herren mit dem blauen Schlips. Er öffnete den Ordner, verglich die Angaben mit dem Dokument und legte dann den Ausweis neben dem Ordner auf den Tisch.

„Zunächst möchte wir sie raten, dieses Gespräch vertraulich zu behandeln. Wir können sie zwar nicht daran hindern, diese Informationen für sich zu behalten, aber es ist in ihrem Sinne, wenn diese Informationen nicht vorzeitig bekannt werden“

Ich guckte die Herren mit großen Augen an.

„Haben Sie uns verstanden?“
„Eigentlich nicht“
„Wir wollen ihnen nur empfehlen, das was wir ihnen gleich erzählen erst einmal für sich zu behalten. Solange Sie diese Informationen nicht herausgeben, ist das SLApÄ auch verpflichtet die Informationen geheim zu behalten. Sobald aber auch nur eine Zeitung oder ein anderes Medium dies veröffentlicht oder sie es tun, sind wir verpflichtet die Informationen an alle Medien herauszugeben.“
Da ich immer noch nicht wußte warum es hier ging, war mir die Konsequenz noch nicht bewusst. Ich nickte erst einmal mit dem Kopf.

„Wir haben die Aufgabe, Ihnen offiziell mitzuteilen, dass sie für zwei Jahre verpflichtet worden sind.“
Das kam als Schock, icht hätte es ahnen müssen, aber irgendwie hofft ja jeder, dass es einen nicht erwischt.
„Ihr Dienstort wird Berlin sein“
Wenn schon denn schon
Das erste Blatt in dem Ordner war in einer Klarsichthülle, der Mann mit dem blauen Schlips nahm es aus der Hülle, die beisen Männer standen auf.
„Bitte erheben sie sich“
Ich stand auf.

„Herr Wifried Norbert Ephraim Müller, geboren am ..., Wohnhaft zu ... ausgewiesen durch Personalausweis, wird mit der Überreichung der Dienstpflicht-Urkunde verpflichtet zum politischen Dienst der Bundesrepublik Deutschland laut dem Bundesgesetz zum Politischen Pflicht-Dienst vom .... Die Urkunde wird überreicht durch Herrn Konstantin Schmückler, Amtsrat bezeugt durch Herrn Richard Schmitt, Oberamtsrat“

Es war schon ein komisches Bild, hier wurde mir über den Küchentisch hinweg eine hochoffizielle Urkunde ausgehändigt, auf der einen Seite zwei formrell gekleidete Herren und ich auf der anderen Seite in Schlafanzug, Morgenmantel und Hausschuhen.

„Bitte setzen Sie sich“
mir wurde ein ein weiteres Blatt vorgelegt auf dem ich den Erhalt bestätigen sollte.

„Und wenn ich nicht will?“

„Laut Paragraph 2 des BGPPD ist jeder Deutsche Staatsbürger mit abgeschlossner Schulbildung verpflichtet zum Politischen Dienst in seiner Gemeinde, seinem Landkreis seinem Bundesland, in der Bundesrepublik oder in Übernationalen Aufgaben – darunter fällt auch die Europäische Union. Ausgenommen sind Berufliche Beschäftigte in Politischen Ämtern, Insassen von Justiz Volzugsanstalten, Vorbestrafte die für bestimmte Kapitalverbrechen laut Anhang C, sowie Bürgern, denen dieser Dienst aus Gesundheitliche Gründen nich zuzumuten ist“
Dar Mann mit dem roten Schlips zeigte auf den entsprechendn Test auf der Urkunde während er ihn auswendig aufsagte.

„um es auf den Puinkt zu bringen, wenn sie das vermeiden woll, müssen sie jetzt noch schnell ein Kapitalverbrechen begehen oder sich für verrückt erklären lassen.“

„Und wenn meine Religion mir einen politischen Dienst untersagt“

„Da gibt es inzwischen auch ein höchstricterliches Urteil: Wenn eine Religion einem die Ausführung der Staatsbürgerliche Pflicht verbietet, verbietet diese Religion automatisch auch die Teilnahme an allen gschäftlichen Prozessen. Sie würden Geschäftsunfähig erklärt und würden einem offiziellen Vormund unterworfen. Und das nicht nur für die Zeit ihrer Dienstverpflichtung“

Es gab also keinen Ausweg. Ich musste meinen Dienst antreten

„Lassen Sie uns Ihne alles erklären, so schlimm ist es nicht. Herr Schmückler und ich haben auch unseren Dienst abgegolten, ich habe mich sogar freiwillig zu vier Jahren verpflichtet“
Ich machte eine frische Kanne Kaffee und lies mir die Details erklären.

Zunächst war ich für zwei Jahre verpflichtet, die Auswahl fand über einen Zufallsgenerator statt. Man konnte sich innerhalb der ersten zwei Wochen – also in der Zeit bis zum eigentlichen Dienstantritt – noch für 4 Jahre verpflichten. Dann konnte es passieren, dass man einen Auslandsdienst antreten musste. Die Hälfte der Zeit war man am Dienstsitz die andere Hälfte musste man im Büro in seinem Kreis arbeiten. Bürgerbüro nannte sich das. Das Gehalt wurde weiter gezahlt – ich konnet also meiner Frau weiterhin den Unterhalt bezahlen - bis zu einem Limit und dann bekam man eine Aufwandsentschädigung. Der Dienst in Berlin und im Ausland hatten noch den Vorteil, das dies Vollzeit Dienste waren. Die kommunalen Tätigkeiten waren Nebenbeschäftigungen, man musste in seinem Job weiter arbeiten, und die Landesdienste waren Halzeit Dienste, was den Arbeitgeber verpflichtete eine halbe Stelle zu geben. Dafür brauchte man für die Landes und Kommunalen Dienste nicht umzuziehen.
Für den Dienst in Berlin bekam man ein Appartment in einer geschützetn Anlage, die im Volkmund „Die Kaserne“ genannt wurde.

Da die Presse sich auf die neuen Dienstverpflichteten stürzte wie ein Rudel Hunde auf ein waidgeschossenes Reh, wurde empfohlen den Dienst erst einmal für sich zu behalten.

Und Kleidung? So wie ich Augenblick war konnte ich natürlich nicht erscheinen. Ja es gäbe eine Kleiderordnung und ja es gäbe einen Zuschuss zu den Kosten.

Die erste Woche an dem Dienssitz war eine Grundasubildung, die Verhaltensregeln. Dann würde man sich auch entscheiden, ob man sich eimer Gruppe anschliessen wolle und in welcher Arbeitsgruppe man mitarbeiten wolle. „Das eine hat manchmal mit dem anderen zu tun, wenn Sie, sagen wir mal, im Sozialen mitarbeiten wollen, und nur eine Gruppe braucht noch einen, der dort Interessen zeigt, dann schliesst man sich denen an.“

Meine ersten Fragen waren beantwortet. Sie verabschiedeten sich Sie liessen mir den Ordner da mit der Urkunde und mit Informationsmaterial. Und Visitenkarten, damit ich sie anrufen könne, falls ich weitere Fragen hätte.

Es war alles ein wenig viel für den Augenblick. Ich hatte mich doch eigentlich nie für Polotik interessiert. Sport – Fußball war meine Sache, uns Skat mit den Kollegen alle vierzehn Tage. Jetzt sollte ich also politische Dienst ableisten, und auch noch in Berlin. Das alleine war doch Strafe genug. Aber Herta Fan wurde ich deshlab nicht. Können die dort überhaupt Skat spielen, und wie schmeckt das Bier dort?

In den nächsten Wochen behielt ich die Informationen für mich. Weder beim Skatabend sagte ich was, noch etwas zu meiner Tochter, als die kam bei mir nach dem rechten zu sehen. Sie sah den neuen Anzug, den ich gekauft hatte und der an der Schlafzimmerschranktür hing.
„Du hast dir einen neuen Anzug gekauft?“ fragte sie.
„Warum denn nicht“
„Wann trägst Du den einen Anzug?“
„Ja wenn Du deinen Abschluss machst, will ich mich doch vernünftig anziehen“ Sie war im dritten Lehrjahr.
„Papa“ sagte sie mit einem Zwinkern in den Augen „Du bist lieb“ Ich glaubte sie meinte ich hätte eine neue Frau getroffen und hätte den Anzug deswegen gekauft.
Einige der anderen Dienstverpflichteten hatten nicht hinter dem Berg gehalten und wurden in der Presse und im fernsehen herumgereicht. Eine kam sogar bis in TV Total und wurde dort auseinandergenommen.

Als dann der Termin zu Diensantritt kam, war kein halten mehr. Die Liste der Dienstverpflichteten wurde an dem Abend vorher veröffentlicht. Als der Wagen kam um mich zum Flughafen abzuholen, standen Journalisten vor der Tür und ein wares Blitzlicht gewitter setzte ein als ich aus dem Haus trat. Der Fahrer geleitete mich schnell zum Wagen. Wir fuhren zum Flughafen. Dort traf ich dann weitere Kandidaten. Zusammen flogen wir nach Berlin.

In Berlin wurden wir abgeholt wieder umringt von Journalisten, Fragen wurden uns zugerufen, die ich nicht verstand. Ich war froh als wir endlich ankammen.

Ankamen im Reichstag: für die nächsten zwei Jahre war ich Bundestagsabgeordneter.

Woher soll ich wissen was ich denke, bevor ich gelesen habe was ich schreibe

wastl Offline




Beiträge: 4.834

30.04.2009 09:55
#314 RE: Eine Utopie Antworten

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Vrider Offline




Beiträge: 124

22.07.2009 15:44
#315 Juli 2009 Antworten

Wasser aus dem See

Ein großer Büroraum; an zwei Seiten Fenster; Jalousien gegen das Licht.
Platz für zehn Schreibtische, die sind schon seit Wochen weg. Vier Container stehen noch paarweise, verlassen, zwei dunkle, zwei helle; abgeschlossen, der Schlüssel steckt. Ich schließe auf: leer.
Die eine Wand eine Glastür, und die andere Türen in Büros.

In der Ecke ein Drucker und an der Wand ein Sideboard mit Papier. Ab und zu springt der Drucker an und einer der wenigen, die noch da sind, kommt aus seinem Büro und nimmt sich seine Blätter.

Durch die Glastür geht es in einen weiteren Büroraum, nicht ganz so groß, hier stehen die Tische noch und hier arbeitet der eine oder andere noch.

Eine Glastür weiter ist das Treppenhaus, draußen. Auf der Tür das Firmenlogo, blau, von innen sieht man es in Spiegelschrift.

Ein Teich, nein, ein See. Mit einer Kelle schöpft man Wasser. Behutsam, damit nur kleine Wellen entstehen, die dann auch bald verschwinden oder sich mit den Wellen des Windes vermischen. Es bleibt kein Loch im See.

In wenigen Tagen werde ich das letzte mal durch die Tür mit dem Logo gehen und diese dann von außen leise zudrücken. Behutsam.

Woher soll ich wissen was ich denke, bevor ich gelesen habe was ich schreibe

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