2026-Südamerika - 32-A1.jpg - Bild entfernt (keine Rechte) Der Mythos vom Radlerparadies Blättert man durch internationale Bikepacking-Magazine, gilt die Carretera Austral als der heilige Gral der weltweiten Fahrradtouren. Vor meinem inneren Auge sah ich epische Landschaften, unberührte Natur, das große Abenteuer auf zwei Rädern, Radweltenbummler, die beseelt durch die patagonische Wildnis gleiten.
Die Realität im chilenischen Sommer sieht allerdings eher nach einer Überlebensübung bei Mad Max aus. Ja, die Landschaft ist atemberaubend. Aber als Mountainbiker, der auch schon einige Reisen mit Bioantrieb hinter sich hat, habe ich vor allem eins gesehen: Wer die Carretera im Januar oder Februar mit dem Fahrrad bezwingt, muss eine ganz besondere Form von Masochismus pflegen. Sobald ein einheimischer Pickup oder ein vollbesetzter Touristenbus mit gut 70 Sachen über den trockenen Schotter – den berüchtigten Ripio – brettert, verwandelt sich die Idylle augenblicklich in ein staubiges Inferno. Was folgt, ist eine hunderte Meter lange, blickdichte Wand aus feinstem Sand und Kieselsteinen. Während ich auf dem Motorrad kurz das Visier schließe, am Kabel ziehe und der Staubwolke entfliehe, bleibt den Radlern nur das Leiden. Sie quälen sich im Schneckentempo die Pässe hoch, die Lunge pumpt auf Anschlag – und statt frischer Bergluft inhärieren sie die Abgase und den aufgewirbelten Dreck von unzähligen V6-Motoren pro Stunde. Viele fahren nur noch mit hochgezogenem Buff oder OP-Maske im Gesicht. Das erhöht beim schweißtreibenden Aufstieg die Sauerstoffzufuhr natürlich ungemein. Am Ende des Tages stehen sie dann da: Die Haare eine einzige Betonfrisur, der Staub knirscht zwischen den Zähnen, und das Gesicht sieht aus, als wären sie gerade frisch aus einer Kohlemine entlassen worden. Aber hey, Hauptsache das Foto für Social Media stimmt, auf dem man die Staublunge zum Glück nicht sieht! Für mich steht fest: Die Carretera Austral ist ein Traum. Aber wer sich das im Hochsommer ausgerechnet mit Muskelkraft und offenem Visier – Verzeihung, offenem Mund – antut, ...
Waren die Strecken gut ausgebaut, traute ich mich durchaus auch mal zu überholen = blindflug bis du am vorausfahrenden vorbei bist. Unangenehm wurde es, wenn mal umgekehrt ein einheimischer Pickupfahrer die Kuh fliegen lies. Am besten vom Gas gehen und neben ran fahren. Ausserdem hoffen, das nachvolgender Verkehr dich nicht übersieht. Meist war ich jedoch der schnellste auf der Strecke ...
Da in Argentinien das Geld nicht so locker sitzt wie hier in Chile, waren die Verkehrsteilnehmer dort meist umsichtiger und weniger materialmordend unterwegs - sehr angenehm...
Und weiter Richtung Coyhaique, der größten chilenischen Stadt südlich von Puerto Montt und eine der am stärksten luftbelasteten Städte in ganz Südamerika. (primär durch das Verbrennen von feuchtem Brennholz zum Heizen in den Haushalten.)
Und dann endlich die Stadt Coyhaique (knapp 50.000 Einwohner) Hier hatte ich mir im Ecocamping Mingalegre für ein paar Tage ein Zimmer gebucht und meine Frau gebeten meinen KFZ Schein an diese Adresse zu schicken. (knapp 100,-€) Alles telefonisch mit Ecocamping Mingalegre abgeklärt, aber keine der beiden Seiten hat es wohl richtig verstanden ... Ich wartete tagelang auf meine Post und erst am Abreisetag wurde mir dann nochmal erklärt: An diesen Ort wird keine Post geliefert ... Ich soll doch mal im Postamt nachfragen ... Tatsächlich lag er da, durfte aber nicht an mich ausgeliefert werden. Telefonischer Kontakt würde langen ... nur ging im Ecocamping Mingalegre niemand ans Telefon. Also wieder aufs Moped und durch die Stadt ans Camp gefahren. Dort erfolgte dann der Anruf bei der Post und ich konnte wieder zurück in die Stadt den Brief abholen.
Man merke sich bitte für den späteren Verlauf der Tour: Das alles mit gepacktem Motorrad, in den entsprechenden Klamotten, bei knapp 40°
P.S. Ich habe den Schein nie vorgezeigt und es ist auch nie danach gefragt worden ...
Von Coyhaique ging es noch ein Stück weiter in den Süden. Das Wetter war gut, also beschloß ich mir die 2. Hälfte der Carretera Austral auf dem Rückweg anzusehen und jetzt auf der anderen Seite der Anden weiter zu fahren ... Denn ab hier wird die Straße zur Sackgasse - wer weiter in den Süden fahren will, muß auf die argentinische Seite wechseln, oder nahe dem Ende der berühmten Straße die Fähre nehmen.
Weiter geht es mit dem Versuch den Lago Buenos Aires / General Carrera von Puerto Ingeniero Ibáñez nach Chile Chico zu überqueren. Da die Fähre aber erst abends geht und dann im Dunkeln ankommt, fahre ich weiter und genieße die unglaubliche Landschaft ...
Manchmal hatte ich Glück (naja ... ) und durfte meine staubige Kehle unterwegs auch mit einem Bier spühlen.
Meistens bekam ich allerdings als erkennbarer Fahrzeugführer keinen Alkohol ausgeschenkt! Hier waren 0,0 angesagt und wie damals in Japan nahmen das die meisten Wirte sehr ernst. Chapeau! (trotz Gelüsten )